Symposium zum Thema „Rechter Glaube“ mit von links: Jan Christian Pinsch, Kyra Funk und Horst-Dieter Mellies.

Aufbruch und Schulterschluss

Symposium „Rechter Glaube“ bringt Vertreter von Freikirchen und Landeskirche ins Gespräch

Detmold. Das Symposium zum Thema „Rechter Glaube“ war eine Veranstaltung, die mit Vorurteilen aufräumte. Theologe Jan Christian Pinsch (Paderborn/Bielefeld) verdeutlichte, dass Pauschalierungen nicht hilfreich sind: „Es gibt nicht die Russlanddeutschen. Und die meisten Russlanddeutschen wählen auch nicht die AfD.“

Es war aber auch eine Veranstaltung, die auf eine Problematik aufmerksam machte: Rechte Parteien, derzeit vor allem die AfD, umwerben konservative Christinnen und Christen mit ihrer Programmatik. Ihre Vereinnahmungsversuche zielen dabei auch besonders auf russlanddeutsch geprägte Freikirchen ab. Sie docken da an, wo sie Überschneidungen vermuten, zum Beispiel bei einem konservativen bzw. evangelikal geprägten Familienbild. In diesem Zusammenhang betonte Journalistin und Filmemacherin Kyra Funk (Hamburg): „Wissenschaft und Journalismus sind dafür da, Dinge zu benennen, auch wenn es weh tut!“

Dass es in evangelikalen Kreisen – freikirchlich wie landeskirchlich – weh tut, davon konnte Landespfarrer Horst-Dieter Mellies berichten, der die Veranstaltung der Evangelischen Erwachsenenbildung in Kooperation mit dem Evangelischen Bund Westfalen und Lippe sowie dem Institut für Evangelische Theologie der Universität Paderborn moderierte. Das Symposium war angekündigt mit dem Titel „Rechter Glaube. Netzwerke und Narrative bibelfundamentalistischer Christen in Lippe“, Thema der Dissertation des Theologen Dr. Jan Christian Pinsch. Im Vorfeld wurde starker Druck auf die Veranstaltung ausgeübt. „Wir haben uns aber ausdrücklich dafür entschieden, sie stattfinden zu lassen“, so Mellies weiter. Dafür sprach auch das große Interesse. Rund 50 Personen nahmen angemeldet an der Veranstaltung teil, weitere 20 standen auf einer Warteliste.

Jan Christian Pinsch gab einen Überblick über die Studie. Fünf Jahre habe er daran aus einer Perspektive der Kirchengeschichte gearbeitet. Angesichts ihrer eigenen Geschichte, wie etwa der jahrhundertelangen Judenfeindschaft oder ihrer Haltung in der NS-Zeit, dürften die christlichen Kirchen nicht schweigen, wenn Unrecht geschehe oder die Demokratie verächtlich gemacht werde.

Zum besseren Verständnis nahm Pinsch die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine Reise vom Aufstieg der Neuen Rechten in Deutschland, die in der Gründung der AfD 2013 mit ihrem christlich-fundamentalistischen Flügel um Beatrix von Storch gipfelte, bis hin zur Darstellung religiöser Prägungen in Lippe. Er streifte dabei die Lippische Landeskirche mit ihrer reformierten und lutherischen Prägung, die Erweckungsbewegung, die vor allem den Norden Lippes im 19. Jahrhundert erfasste, den evangelikal geprägten Lippischen Gemeinschaftsbund in der Landeskirche, den Zuzug von Aussiedlern in den 1970er und verstärkt ab den 1980er Jahren mit Gründung von eigenen Gemeinden, Schulen und Verlagen. Den Begriff evangelikal grenzte Pinsch deutlich ab von fundamentalistisch. Evangelikal betone die persönliche Bekehrung und die Mission.

Der Theologe beschrieb schließlich konkrete Anknüpfungspunkte von einem fundamentalistischen Christentum zur Neuen Rechten in Lippe. Seine Dokumentenanalyse als Zentrum der Studie, die er in den Kategorien Islamfeindlichkeit, Homosexuellen- und Genderfeindlichkeit sowie Antisemitismus und Verschwörungserzählungen unternahm, konzentrierte sich auf die Publikationen der AG Welt und des Lichtzeichen-Verlags. Beide haben ihren Sitz in Lage. Zu den Autoren, die dort ihre Schriften verlegen, gehören der umstrittene Bremer Pastor Olaf Latzel, rechte christliche Influencer wie Tobias Riemenschneider und Pastor Jakob Tscharntke, dessen Gemeinde vom baden-württembergischen Verfassungsschutz beobachtet wird.

Ergänzend berichtete Kyra Funk von ihren Recherchen über Fundamentalismus und politische Macht. Sie stellte auch ihre neue Reportage vor, die am 23. Juli im SWR gezeigt wird mit dem Titel: „Fromm und Radikal – Verfassungsfeinde im Namen Gottes“. Sie arbeitet darin den religiösen Absolutheitsanspruch der Fundamentalisten heraus und die Anknüpfungspunkte zur Neuen Rechten wie Anti-Feminismus, Anti-Abtreibung und Anti-Migration. „Es ist nicht dieselbe Ideologie, aber es sind dieselben politischen Ziele.“

In der anschließenden Diskussion betonten Mitglieder von Freikirchen, dass es sich bei den dargestellten rechten Vernetzungen nicht um die Überzeugungen der Mehrheit der in Lippe lebenden Russlanddeutschen handele. Sie fühlten sich durch die Studie und den Zuschnitt der Veranstaltung, in deren Ankündigung Kyra Funk mit ihrem Film „Russlanddeutsche, die AfD und ich“ vorgestellt worden war, stigmatisiert. Selbstkritisch wurde aber auch vermerkt, dass man vielleicht mehr am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen müsse.

Andere Teilnehmer des Nachmittags befanden die Studie hingegen als differenziert. Allgemein als positiv wurde bewertet, dass Mitglieder aus Freikirchen vor Ort waren, um ihre Position darzulegen. „Ich erlebe heute Aufbruch und Schulterschluss. Wir haben gemeinsame Zielsetzungen erkannt. Die setzen wir jetzt über das, was uns trennt, und bleiben im Gespräch. Dabei denke ich zum Beispiel an die August-Hermann-Francke-Schulen (AHF) und das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, deren Leitende Peter Dück und Kornelius Ens, wie ja auch in dem heutigen Vortrag betont wurde, sich deutlich öffentlich gegen eine Vereinnahmung von rechts positioniert haben“, zog Horst-Dieter Mellies abschließend als Fazit.

16.07.2026