Diskussion über ein schwieriges Thema: Kerstin Vieregge, Robin Wagener, Fred Salomon und Bartolt Haase (von links).

Leben, Sterben, Selbstbestimmung

Gespräch der Lippischen Landeskirche zum assistierten Suizid

Detmold. Menschen, die an einer qualvollen unheilbaren Krankheit leiden, Schwerstbehinderte, die allein fast nichts tun können – dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen, versteht wohl jeder. Um Leben, Sterben und Selbstbestimmung ging es in einem Podiumsgespräch am Dienstag (26.5.) im Gemeindehaus der Erlöserkirche am Markt in Detmold.

Eingeladen hatte die Lippische Landeskirche. Etwa 80 Interessierte waren der Einladung gefolgt. 

Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVG) 2020 ist ein Suizid in eigener, freier Verantwortung möglich, wenn die Entscheidung dafür wirklich bei vollem, klarem Bewusstsein getroffen wird und sie gut begründet ist, wenn es also keine medizinischen oder anderen Wege gibt, die eine neue Lebensperspektive eröffnen können. Es ging dem höchsten deutschen Gericht darum, ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben bis zuletzt zu ermöglichen.

Aber in der Praxis wird es schwierig. Jeder einzelne Fall ist anders. Dass es einer gesetzlichen Regelung für den assistierten Suizid bedarf, ist für den lippischen Bundestagsabgeordneten Robin Wagener (Grüne) keine Frage. 2023 hat der Bundestag den Versuch unternommen, das BVG-Urteil in ein Gesetz zu gießen. Es kam nicht zustande. Wagener ist wichtig, dass es in dieser Frage keine Fraktionsbindung gibt. Eine überparteiliche Gruppe von Bundestagsabgeordneten arbeitet derzeit an einer neuen Gesetzesvorlage. Der Staat müsse alles tun, um den Lebenswillen zu erhalten. Das Strafrecht sei nicht der richtige Rahmen, um die assistierte Selbsttötung zu regeln, so der Jurist.

Für seine Bundestagskollegin Kerstin Vieregge (CDU) steht der eigenständige Wunsch nach Sterben ganz obenan. Wenn Menschen bei klarem Bewusstsein sagen, sie wollten nicht dement in einem Heim leben: „Wann ist der Zeitpunkt da?“, fragte sie.

Hier könnte die Mobile Ethikberatung in Lippe (MELIP) helfen. Ihrem Leitungsgremium gehört der Arzt, Theologe und Medizinethiker Professor Dr. Fred Salomon an. Sie bietet Unterstützung in schwierigen Situationen der Entscheidung, Behandlung, Pflege und Versorgung bei weit fortgeschrittenen Erkrankungen. Rund 50 Anfragen von Menschen, die freiwillig aus dem Leben scheiden wollen, hatte die MELIP bisher. Etwa ein Viertel davon, berichtete Salomon, hat dann den letzten Schritt wirklich vollzogen: „Unsere Arbeit dient auch der Suizid-Prävention.“ Doch abgesehen von den Zahlen stellte Salomon klar fest: „Man kann einen assistierten Suizid bei der derzeitigen Gesetzeslage durchführen. Ärzte dürfen es tun, es ist rechtlich und ethisch völlig in Ordnung.“ Auch er wünscht sich eine ausdrückliche Regelung, die aber nicht zu eng sein soll.

Was erwartet also einen Menschen, der sich mit Suizidwunsch an die MELIP wendet? Zunächst ein zeitnahes Beratungsgespräch mit drei Personen, die zu ihm nach Hause kommen, nötigenfalls binnen einer Woche. Das Ergebnis kann ein assistierter Suizid sein, etwa durch Infusion durch den Hausarzt. Zu überprüfen sei mit medizinischer, gegebenenfalls auch mit psychiatrischer Kompetenz, ob der Todeswunsch wirklich selbstbestimmter Ausdruck des freien Willens ist oder Ausdruck einer Krankheit oder vorübergehenden Stimmung. Salomon grenzte sich dabei ab von den kommerziellen Gesellschaften für „Sterbehilfe“, die nach dem Motto arbeiten: „Montag Anruf, Freitag Tod“ und dabei viel Geld verdienen.

Auch in den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel ist der assistierte Suizid ein wichtiges Thema. Vorstandsvorsitzender Dr. Bartolt Haase berichtete von kontroversen Diskussionen in der Diakonie nach dem BVG-Urteil. Von dem Juristen Thomas Gutmann (Münster) ließ sich Bethel in einem Gutachten bestätigen, dass assistierter Suizid auch unter seinem Dach möglich wäre. Haases Position dazu: „Wir begleiten Menschen bis zum Schluss, aber wir beteiligen uns nicht aktiv daran.“

Landespfarrer Horst-Dieter Mellies, der das Gespräch moderierte, hatte zu Beginn berichtet, dass ihm als Gemeindepastor die Frage nach dem selbstbestimmten Tod immer wieder begegne. Der Abend zeigte, dass das Thema nicht verdrängt werden sollte.

01.06.2026